In der Show von «Art on Ice» spielt Dave Stewart live seine «Eurythmics»-Welthits. Hier erzählt er exklusiv, wie die Songs entstanden sind, was sie heute für ihn bedeuten, und er erklärt, wie er Eiskunstlauf mit Blues und Voodoo verbindet.
Interview: Christoph Soltmannowski.

Interview: Christoph Soltmannowski
Foto: Ben Tischhauser

Dave, man weiss, du bist oft und gerne im Studio. Dort hast du auch die Songs und Alben vieler grosser Musikerkollegen produziert. Jetzt bist du wieder mehr als Livemusiker unterwegs, wie fühlt sich das an?
Dave: Ich habe immer gerne live gespielt, auch in den Neunzigern mit den  Spiritual Cowboys». Doch bereits seit längerem will Annie nicht mehr auf Tour  gehen. Als «Eurythmics» haben wir über 130 Songs zusammen gemacht – und  ich will die einfach spielen! Nile Rodgers lud mich 2019 ans Meltdown Festival in London ein, da war mir plötzlich klar, dass dies die perfekte Gelegenheit ist, das Eurythmics»-Songbook live zu spielen, vor Gästen aus verschiedenen Genres.

Dave Stewart, 1952 in Sunderland (Gb) geboren, feierte seit den 80ern als «Eurythmics» zusammen mit Annie Lennox weltweit grosse Erfolge. Später gründete er die «Spiritual Cowboys». Als einer der kreativsten Köpfe der Musikwelt ist er auch als Produzent und Songwriter tätig – unter anderem für Bob Dylan, Stevie Wonder,
Mick Jagger und Bryan Ferry. Er schrieb auch Filmmusik und Musicals – wie kürzlich mit Joss Stone.

Seit eurem Riesenhit «Sweet Dreams» sind 40 Jahre vergangen. Wie wirken die Songs nach all dieser Zeit auf dich?
Dave: Man verbindet Songs immer mit dem, was man erlebt hat, als man sie erstmals hörte. Jemand erzählte  mir einst, dass er als Zehnjähriger das Video zu «Sweet Dreams» auf MTV gesehen hatte – und dass er Angst vor der Kuh hatte, die darin vorkam. Mich erinnert jeder Song daran, wie er  damals entstanden ist. Das war immer wieder anders – ich wählte nie den einfachsten Weg. So  haben wir «There Must Be An Angel» und «Would I lie to you» in einem kleinen Zimmer  aufgenommen, in einem Vorort von Paris, mit einem kleinen 8-Spur-Recorder.

Aber manchmal habt ihr für die Aufnahmesessions auch ein ganzes Schloss  gemietet, wie du in deinem Buch schreibst.
Dave: Ich glaube, dass der Ort, an dem man etwas tut, einen sehr grossen Einfluss darauf hat, wie man es tut. Annie und ich haben nie versucht, Songs zu schreiben. Wir sammelten
Erfahrungen – und sobald wir uns dann trafen, fanden uns die Songs – bumm! 20 Minuten, und der Song war da.

Wie schon damals mit Annie Lennox spielt Dave Stewart beim «Eurythmics»-Songbook «nur» Gitarre und singt selbst nicht. Er lässt sich von einer Band aus Musikerinnen und drei Sängerinnen unterstützen. Und pünktlich um 20.40 Uhr trinkt er einen Martini.
Foto: Ben Tischhauser

Entstand auch «Sweet Dreams» in wenigen Minuten?
Dave: Ja. Genauso wie «Here comes the Rain again», «Would I Lie to You?» und auch «There Must Be An Angel». Bei allen! 45 Minuten – allerhöchstens. Länger hat es nie gedauert. Und wenn wir mal länger brauchten, wussten wir schon: Daraus wird nichts!

Euer erstes Album habt ihr beim legendären Produzenten Conny Plank aufgenommen.
Dave: Conny zeigte mir, dass es keine Regeln gibt. Ich sagte ihm, ich möchte so klingen wie jemand, der in einen Brunnen fällt. Und dann haben wir das Mikrofon in einen Brunnen gehängt. Ich hab immer experimentiert. Das Echo-Gerät liess ich manchmal einfach immer weiterlaufen. Das wurde Teil des Sounds.

Mit Sängerin Annie Lennox, 69, die nicht mehr auf Tour gehen mag (aber nach wie vor eng mit ihm befreundet ist), prägte Dave Stewart als «Eurythmics» ab 1983 die Popmusikwelt. (Bild von 1986.)

Annie Lennox ist auf der Tour nicht dabei – dafür singen Vanessa Amorosi, Rahh und deine Tochter Kaya.
Dave: Es ist toll mit ihnen – sie haben sehr unterschiedliche Stimmen. Das passt, denn Annie und ich haben ja von Album zu Album immer wieder unseren Stil gewechselt. Und unsere Fans haben das immer mitgemacht! Die Stimme meiner Tochter ist sehr emotional. Rahh ist eher eine kraftvolle Sängerin. Und Vanessa Amorosi ist mehr im Rock zu Hause.

Bei «Art on Ice» bewegen sich Eiskunstlauf-Stars zu eurer Musik – wie wird das sein?
Dave: Ich habe mich gestern Abend lange mit den Machern von «Art on Ice», Oliver Höner und Reto Caviezel, unterhalten. Sie sagten mir, dass sich die Eisläuferinnen und Eisläufer zu der lauten Live-Musik immer wieder anders bewegen werden.

Und was heisst das jetzt?
Dave: Eigentlich weiss ich das gar nicht. Ich habe mit den beiden viel über Voodoo gesprochen – über Bluesmusik und Gris-Gris und so Zeugs. Der Blues zog sich von Anfang an immer durch meine Musik. Mal sehen, was dabei herauskommen wird, wie wir das umsetzen. Auf jeden Fall habe ich sie dazu gebracht, sich diese Voodoo-Bilder und Symbole anzuschauen.

Was verbindet dich mit der Schweiz?
Dave: Annie und ich haben hier oft gespielt. Es sind viele schöne Erinnerungen entstanden. Aktuell ist meine Verbindung zur Schweiz mein Geschäftspartner Johan: Wir lieben beide Martinis. Dank ihm habe ich jetzt meinen eigenen Wodka, der heisst «Poetry». Mit meinem Hut auf der Etikette. Ganz ehrlich, es ist ja nicht völlig ungefährlich, einen eigenen Wodka zu haben. Ich trinke aber jeden Tag nur einen. Immer exakt zur selben Zeit, um 20 Uhr 40.

Wagen wir einen Blick in die Zukunft: Was hältst du von künstlicher Intelligenz? Wird sie selbst so kreative Leute wie dich dereinst ersetzen?
Dave: Paul Allen, der mit Bill Gates Microsoft gegründet hat, war ein guter Freund von mir. Schon 1992 hat er mir einen Laptop geschenkt und mit mir über KI gesprochen. Niemand kann diese rasante Entwicklung stoppen. Man kann Regeln aufstellen, aber niemand hat die Möglichkeit, es zu kontrollieren. Alle Information geht in ein grosses Gehirn. Joe Walsh von den Eagles sagte einst was Lustiges: «Solange sie kein Hotelzimmer verwüstet und den TV nicht in den Pool wirft, habe ich keine Angst vor künstlicher Intelligenz.» Will man sich von der Software Vorschläge zu Text und Melodie machen lassen, sagt man: Mach was Trauriges! Dann kommt auch was Trauriges. Doch wird es so gut werden wie ein Song von Leonard Cohen? Das bezweifle ich.

Das ganze Interview als Videopodcast

Das ganze Interview von event.-Redaktor Christoph Soltmannowski mit Dave Stewart als Video